Gedanken zur deutschen Sprachkultur

von Christoph Bock

Die deutsche Rechtschreibreform von 1996 wurde mit dem Anspruch eingeführt, die Orthographie zu vereinfachen und zu systematisieren. Ob dieses Ziel tatsächlich erreicht worden ist, darf jedoch bezweifelt werden. Einzelne Regeln mußten in den Jahren nach ihrer Einführung wiederholt korrigiert werden, was zusätzlich zur Verunsicherung durch die Reform zu weiterer orthographischer Unsicherheit führte.

Rechtschreibreformen können durchaus sinnvoll und notwendig sein; ihre Legitimität hängt jedoch davon ab, ob sie reale Probleme des Sprachgebrauchs lösen und zu größerer Klarheit beitragen. Ein historisches Beispiel hierfür liefert die Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Mit der Orthographischen Konferenz von 1901 wurde erstmals eine verbindliche Norm für den gesamten deutschen Sprachraum geschaffen. Die Reform beseitigte die vorher bestehende Uneinheitlichkeit und erleichterte das Erlernen sowie die Verwendung der Sprache in Schule, Verwaltung und Wissenschaft.

Die Reform von 1996 unterscheidet sich hiervon grundlegend. Sie zielte weniger darauf ab, bestehende Unklarheiten zu beseitigen, als vielmehr zahlreiche bereits gefestigte Schreibweisen zu verändern, die über Generationen hinweg gewachsen waren. Die vorgenommenen Änderungen erweisen sich bis heute als kaum nutzbringend. Orthographie ist jedoch nicht bloß ein technisches Regelwerk; sie ist zugleich Bestandteil unseres literarischen Erbes, das heutige Texte mit der Tradition von Goethe und Schiller verbindet. Jede Veränderung an der Orthographie berührt daher auch Fragen kultureller Identifikation.

Besonders kritisch ist der neuere Versuch, Sprache politisch zu instrumentalisieren: Das sogenannte Gendern, oft begleitet von Sonderzeichen, Binnenmajuskel oder ähnlichen Konstruktionen, ist kein organischer Sprachwandel, sondern eine bewußte Umgestaltung, die vielfach aus institutionellen oder ideologischen Initiativen hervorgeht. Solche Eingriffe entstehen nicht aus dem natürlichen Sprachgebrauch. Die deutsche Sprache bleibt sowohl in Schrift als auch in ihrer Form ein Kulturgut, das keinem kurzfristigen politischen Opportunismus unterworfen werden darf. Sprachliche Veränderungen sind nur dann legitim, wenn sie sich langfristig aus dem tatsächlichen Gebrauch entwickeln; alle anderen Eingriffe müssen entschieden abgelehnt werden.

Es gilt, an der traditionellen Sprache und Orthographie festzuhalten. Sie ist Ausdruck sprachlicher Kontinuität, literarischer Tradition und einer über lange Zeit gewachsenen Ordnung – ein Schatz, der weder kurzfristigen Moden noch politischer Willkür preisgegeben werden darf. Gerade unsere Universitäten, die sich als Orte der Wissenschaft und der kulturellen Überlieferung verstehen, sollten daher eine besondere Verantwortung für die Pflege und Bewahrung der deutschen Sprache übernehmen. Wenn nicht sie, wer dann?